Prof. Dr. Julius Reiter im Interview Teil I

Die Loveparade Opfer erhalten auch drei Jahre nach der Katastrophe keine Akteneinsicht.

Interview in Die Welt online vom 06.01.2013

Prof. Dr. Julius Reiter zur Verweigerung der Akteneinsicht für die Opferanwälte 

“Bei allem Verständnis für die Rechte der Strafverteidigung ist nicht nachvollziehbar, wieso die Opfer nicht zumindest einen Teil der Akten einsehen dürfen. Sie wollen endlich Klarheit bekommen, warum ihre Kinder gestorben sind und wie es zur Katastrophe kommen konnte.”

Zur Bedeutung der Akteneinsicht

“In der Regel haben Betroffene erst eine realistische Chance, Entschädigungen und Schmerzensgeld einzufordern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Wir könnten uns ein eigenes Bild über die Verantwortlichkeiten machen und dementsprechend Rechtsansprüche konkretisieren. Es geht nicht allein um strafrechtliche Schuld, sondern auch um zivilrechtliche Haftung. Deshalb brauchen wir Klarheit, wie die Geschehnisse sich zugetragen haben.”

Zur Entschädigung der Betroffenen

“Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es, die Kausalität zwischen gesundheitlicher Verletzung und der Loveparade festzustellen. Das ist vor allem die Gefahr für diejenigen, die von Spätfolgen betroffen sind. Oft treten diese erst nach Jahren auf, wenn das Erlebte plötzlich aus den Menschen herausbricht. Und dann geraten sie in höchste Beweisnot, ob ihr Schaden tatsächlich auf die Loveparade zurückzuführen ist. Wir haben deshalb das Modell einer öffentlichen Stiftung vorgeschlagen, die unter Einbeziehung der Opfer Regeln festlegt, nach denen auch Spätfolgen entschädigt werden. Ohne Stiftung wird es weitere Opfer geben.”

Zu den Gutachten renomierter Katastrophenforscher

“Uns liegen diese Gutachten nicht vollständig vor. Deshalb können wir es nicht bewerten.”

Zum schleppenden Verfahren

“Die Opfer haben kein Verständnis für die weiteren Verzögerungen. Sie wollen, dass das Ermittlungsverfahren abgeschlossen wird, dass die Verantwortlichen vor Gericht kommen und dass man ihnen Beistand leistet und sie angemessen entschädigt. Auf den Grundsatz “Gründlichkeit vor Schnelligkeit” können sich die Ermittler nach zweieinhalb Jahren nicht mehr berufen.”

Zur Anzahl der Beschuldigten

“Es ist durchaus möglich, dass bei allen Beteiligten Fehler festgestellt werden, diese aber nicht zu Verurteilungen führen.”

 

 

Quelle: Die Welt online vom 06.01.2013

Das Interview führte Stephanie Hajdamowicz.

 

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