Prof. Dr. Julius Reiter im Interview Teil II

Die Loveparade Opfer erhalten auch drei Jahre nach der Katastrophe keine Akteneinsicht.

Interview in Die Welt online vom 06.01.2013

 

Zur Schuldfrage an der Loveparade Katastrophe von Duisburg

“Alle Beteiligten sind irgendwie mitverantwortlich. Es gibt keine Alleinursache und keinen Alleinverursacher der Katastrophe. Es gibt vielmehr ein Versagen aller drei Beteiligten, die gemeinsam Verantwortung und Schuld tragen: der Veranstalter, der Druck auf die Verwaltung ausgeübt und sich nicht an die Sicherheitsauflagen gehalten hat. Die Stadt, die nicht hätte genehmigen dürfen und nicht kontrolliert hat, und die Polizei, die grobe Fehler bei ihrem Einsatz gemacht hat. Alle haben mitgeholfen, dass eine Veranstaltung, die niemals hätte stattfinden dürfen, doch stattgefunden hat.”

Zum erhofften Ausgang des Verfahrens

“Dass Verantwortlichkeiten festgestellt werden. Es kann auch ohne individuelle strafrechtliche Verurteilung die Verantwortung eines Beteiligten festgestellt werden, der dann für den Schaden haftet.”

Zu den Entschädigungszahlungen der AXA-Versicherung

“Die Opfer empfinden das Verhalten der AXA-Versicherung als ein typisches Spiel. Es werden Formulare, Arztberichte oder Gutachten angefordert – und es wird immer wieder nachgefragt. Das macht die Opfer mürbe. Sie empfinden es als zynische Verzögerungstaktik, um ihre Forderungen abzuweisen. Das ist hart für Menschen, die vom Schicksal bereits so stark geschlagen sind.”

Zur Bedeutung des neuen Oberbürgermeisters von Duisburg

“Sören Link ist als neuer Oberbürgermeister unbelastet und hat sich zur moralischen Verantwortung seiner Stadt bekannt. Diese Wendung war sehr wichtig. Er hat sich den Opfern zugewendet und glaubwürdig Mitgefühl vermittelt. Den Worten müssen jetzt Taten folgen. Wir wünschen uns, dass Herr Link für unser Modell einer öffentliche Stiftung eintritt. und für die Opfer Flagge zeigt.”

Wie den Opfern  der Loveparade geholfen werden könnte 

“Indem die Beteiligten ihre Mitverantwortung eingestehen und an Lösungen mitarbeiten, um den Opfern dauerhaft zu helfen. Die Opfer haben Angst, dass man sie im Regen stehen lässt. Sie dürfen nicht alleingelassen werden.”

Zu den Lehren aus der Loveparade Katastrophe

“Die Love Parade und das unwürdige Gezerre um die Frage der Verantwortung für die Katastrophe hat bei vielen Menschen Vertrauen zerstört: Vertrauen in die Sicherheit von Großveranstaltungen, in staatliche Kontrollen, in die Kompetenz von Verantwortlichen. Dieses Vertrauen zurück zu gewinnen, wird mühsam werden. Viele Betroffene wünschen sich, dass wir mindestens zwei Dinge aus der Love-Parade-Katastrophe lernen: Veranstalter von Großereignissen müssen gezwungen werden, sich für den worst case besser zu versichern. Und: Nie wieder darf es in Deutschland eine derart miserabel geplante und schlecht kontrollierte Massenveranstaltung geben.”

 

Quelle: Die Welt online vom 06.01.2013

Das Interview führte Stephanie Hajdamowicz.

 

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