Loveparade Prozess: “Am Ende könnte es eine Enttäuschung geben”

Opferanwalt Prof. Dr. Julius Reiter zum Loveparade Prozess

Teil I: Prof. Dr. Julius Reiter zur Frage, wie er an das Mandat kam, zur Dauer des Verfahrens und zu möglichen Auswirkungen der Verfahrenslänge auf den Prozess.

Zur Anzahl seiner Mandanten

“Wir vertreten 100 Opfer, darunter Verletzte, Geschädigte und Hinterbliebene von fünf Toten.”

Wie die Kanzlei baum reiter & collegen dazu kam, die Mandate zu übernehmen

“Mein Kanzleipartner Bundesminister a.D. Gerhart Baum hat bereits vor Gründung unserer Kanzlei Opfergruppen vertreten, zum Beispiel Angehörige von Opfern aus Flugkatastrophen gegen Versicherungen oder die russischen Zwangsarbeiter gegen die Bundesregierung. Im Finanzbereich hat unsere Kanzlei seit mehr als zehn Jahren Erfahrung in der Vertretung  von  Geschädigtengruppen gegen Banken, Finanzvertriebe und Fondsgesellschaften.”

Zur Verantwortung von Stadt und Veranstalter

“Das Gutachten des gerichtlich beauftragten Katastrophenforschers Keith Still ist eindeutig: Wer die Grundrechenarten beherrscht, hätte bei der Menge von erwarteten Besuchern einerseits und der Enge der Rampe am Ausgang des Geländes andererseits, erkennen müssen, dass eine solche Katastrophe eintreten konnte und die Veranstaltung deshalb an dieser Stelle nie hätte genehmigt werden dürfen.

Es war also ein bewusstes Versagen oder besser organisierte Verantwortungslosigkeit auf Seiten der Stadt und des Veranstalters. Die Verantwortlichen wussten, was sie taten. Man kann also nicht wie beim Düsseldorfer Flughafen-Brand von einer unglücklichen Aneinanderreihung von Kausalitäten sprechen.”

Zu möglichen Auswirkungen des langen Ermittlungsverfahrens auf den Prozess

“Ja, ganz sicher. Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es, die Kausalität zwischen gesundheitlichen Problemen einer Person und der Loveparade festzustellen. Das gilt vor allem für diejenigen, die von Spätfolgen betroffen sind. Oft treten diese erst nach Jahren auf, wenn das Erlebte plötzlich aus den Menschen herausbricht. Und dann geraten sie in höchste Beweisnot, ob das tatsächlich auf die Loveparade zurückzuführen ist. Wir haben deshalb das Modell einer öffentlichen Stiftung vorgeschlagen, die unter Einbeziehung der Opfer Regeln festlegt, nach denen auch Spätfolgen entschädigt werden. Ohne eine Stiftung wird es weitere Opfer geben.”

Zur Frage, ob ein Strafprozess den Opfern überhaupt helfen kann

“Sicher ist der Strafprozess für die Opfer eine Belastung. Es ist für sie aber vor allem wichtig, wie der Tathergang vom Gericht beurteilt wird. Natürlich spielt auch der Sühnegedanke eine Rolle. Ich halte es jedoch für nicht unwahrscheinlich, dass es am Ende eine Enttäuschung gibt, wenn auch das Gericht die Verantwortlichkeiten nicht zeitnah wird klären können.”

Zu möglichen Räumlichkeiten für den Prozess

“Die Räumlichkeiten sollten zumindest groß genug sein, um dem Interesse der Hinterbliebenen und Geschädigten gerecht zu werden.”

Zu der Tatsache, dass verantwortliche Personen, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt, weiter in der Verwaltung beschäftigt sind

“Die Opfer und Hinterbliebenen verstehen nicht, warum der neue Oberbürgermeister Sören Link keine personellen Konsequenzen gezogen hat. Das Organisationsverschulden der Stadt Duisburg ist unbestritten. Wenn er den Behördenleiter und die beschuldigten Mitarbeiter der Stadtverwaltung nicht suspendieren kann, hätte er sie zumindest überzeugen können, eine andere Aufgabe in der Verwaltung zu übernehmen. Das hat er nach eigenen Angaben nicht einmal versucht.

Wie sollen da die Bürger Vertrauen in die Stadtverwaltung zurückgewinnen? Es sind auch meines Wissens trotz vernichteter Beweismittel keine Disziplinarverfahren eingeleitet worden.”

Zu möglichen zivilrechtlichen Ansprüchen der Opfer der Loveparade Katastrophe

“In der Regel haben Betroffene erst eine realistische Chance, Entschädigungen und Schmerzensgeld einzufordern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Erst dann können wir uns abschließend ein eigenes Bild über die Verantwortlichkeiten machen und dementsprechend Rechtsansprüche konkretisieren.

Da es nicht allein um strafrechtliche Schuld, sondern auch um zivilrechtliche Haftung geht, brauchen wir Klarheit über die Geschehnisse. Da die zivilrechtlichen Ansprüche aber zum Ende des Jahres verjähren könnten, werden wir noch bis dahin Klagen erheben.”

Zur Höhe bisheriger Entschädigungen

“Ich kann da nur für unsere Mandanten sprechen. Die Summe beläuft sich da auf etwa 1,5 Millionen Euro.”

 

Quelle: Legal Tribune online vom 24.07.2013

Das Interview führte Claudia Kornmeier.

 

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